Christvesper 2011 Kreuzkirche

Jesaja 9,1-6

Uns ist ein Kind geboren
Ein Sohn ist uns geschenkt!
Er wird die Herrschaft übernehmen.

Wie soll er denn heißen?
Man nennt ihn:

Wunderbarer Ratgeber
Starker Gott
Ewiger Vater
Friedensfürst

Der Friede der Heiligen Nacht sei mit euch allen. Amen.
Herr, wir bitten dich, rede du selbst jetzt mit uns durch dein Wort der Liebe und wirke an uns durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Schon lange vor der Geburt, von der wir gerade mit den Worten des Evangelisten Lukas gehört haben, hat Gott durch seine Propheten Hoffnung geweckt, auf den Erlöser und Retter, auf seinen Christus. Zu allen Zeiten hatten die Menschen Sehnsucht im Dunkel der Zeit, Sehnsucht nach Licht und Hilfe. Der Prophet Jesaja schreibt davon im 9. Kapitel:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. 
Denn uns ist ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns geschenkt! Er wird die Herrschaft übernehmen. Man nennt ihn „Wunderbarer Ratgeber“, „Starker Gott“, Ewiger Vater“, Friedensfürst“. Er wird seine Herrschaft weit ausdehnen und dauerhaften Frieden bringen. Amen.

Unser Kind ist da! So lautet bis heute der Jubel vieler Eltern. Und alle, die es hören, freuen sich mit. In den Zeiten vor Ultraschall war dann die erste Frage Was ist es denn? Mädchen oder Junge. – Es ist eine Tochter! – Es ist ein Sohn! – so die stolze Antwort. Dann folgte fast immer die Frage nach dem Namen: Wie heißt sie- wie heißt er denn? Viele Eltern hatten das Geheimnis des Namens bis dahin nicht preisgegeben. Aber wenn das Kind da war…
Nach den Ängsten und Aufregungen um die Geburt war es wie eine Erlösung, voller Freude den Namen zu verkünden. Und ab diesem Zeitpunkt gibt es da auch gar keine Frage. Es kann gar nicht anders sein. Das Kind hat den Namen, den es von den Eltern bekommen hat. Es wird nicht mehr darüber diskutiert. Das Kind steht von da an im Mittelpunkt des Interesses und der Name steht fest. Und manchmal haben die Eltern den Namen nicht nur nach dem Klang oder nach einem gerade berühmten Vorbild herausgesucht, sondern sich gut überlegt, was der Name bedeutet.
Lesen Sie auch immer die Namen unter den Bildern der Neugeborenen in der Zeitung? Manche sind einem seit langem vertraut: Anna und Elisabeth, Maximilian und Frederik. Andere hat man noch nie gehört.
Manche Bedeutung erschließt sich schnell: Leon oder Leonie, Löwe und Löwin, Felix, der Glückliche, Dorothea - Gottesgeschenk, Clemens – der Sanftmütige, Victoria – die Siegerin. Aber ob der Felix immer Glück haben wird? Und ob Sophia so weise sein wird, wie es ihr Name sagt? Ich bin froh, dass mein Name sich nicht verwirklicht hat. Martin – der Kriegerische. – Ich danke Gott, dass ich nie einen Krieg erleben musste und auch vor dem Dienst an der Waffe verschont geblieben bin.
Gott sei Dank, dass wir auch dieses Weihnachtsfest wieder im Frieden feiern dürfen. Das 67. Weihnachtsfest in Folge im Frieden für unser Land. Die Ältesten unter uns, die noch Kriegsweihnachten erlebt haben, wissen es wohl am meisten zu schätzen. Aber auch wir Kinder der Nachkriegszeit sollten es nicht gedankenlos für selbstverständlich halten, dass uns das Wort vom Frieden auf Erden so konkret gilt.
Afghanistan und Korea, Ägypten und Syrien, sind Länder, in denen geschossen wird und gebombt, in denen besonders Christen um ihre Existenz fürchten. Volk, das im Finstern wandelt, Menschen, die sich nach Frieden und Geborgenheit sehnen. Auch dort werden Kinder geboren. In ungewisse Zukunft hinein.
Ähnlich war es in der Zeit, in der der Prophet Jesaja in prophetischer Vorausschau die Geburt des Gottessohnes schildert. Die Geburt wird verkündet und der Name bekannt gegeben:

Uns ist ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns gegeben!

Er hat die Macht. Er ist von nun an die wichtigste Person.
Er heißt:- Jetzt werden Namen aufgezählt. Keine alltäglichen Namen. Keine Namen, die gerade modern sind, sondern Namen, die Programm sind für dieses eine Kind:
„Wunderbarer Ratgeber“, „Starker Gott“, „Ewiger Vater“, „Friedefürst“. Sonderbare Namen! Verheißungsvolle Namen! Namen, die Bedeutung haben und die sein Programm sind.

„Wunderbarer Ratgeber“
Jesus ist wunderbarer Ratgeber. Was rät er denn?
Fürchtet euch nicht! Sorgt euch nicht!
Bittet, so wird euch gegeben! Folgt mir nach!
Vergebt! - Liebt! - Nicht nur euere Freunde und euere Nächsten. Auch euere Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen! Er rät uns auch, dass wir uns nicht nur mit Geld und Schätzen dieser Welt befassen sollen, sondern mit Worten Gottes und mit den Schätzen, die einmal im Himmel zählen.

Was in diesem Jahr unter dem Weihnachtsbaum liegt, findet sich vielleicht in ein paar Jahren in der Altkleidersammlung, auf dem Recyclinghof oder gar auf dem Müll. Es ist jetzt gerade modern, auf dem neuesten Stand der Technik, aber wie lange? Nein, Weihnachten entscheidet sich nicht unter dem Baum, sondern unter dem Wort Gottes und im Herzen. Ob da Platz ist für den wunderbaren Ratgeber, Jesus Christus. Und ob wir seine Worte behalten und bewegen, wie es einst Maria getan hat.
Er heißt nicht nur, sondern er ist ein „Starker Gott“,
Jesus ist ein starker Gott, denn er ist anders als alle Götter, die von Menschen je verehrt wurden. Unnachahmlich schon sein erster Auftritt im Kuhdorf Bethlehem, in der Nähe von Schafsköpfen, Rindviechern und Eselsohren. Von wegen Auftritt im Rampenlicht der Öffentlichkeit! Kein roter Teppich, kein Scheinwerfer und Blitzlichtgewitter, wie beim Pressetermin eines Königspaares mit seinem ersten Kind.

Sein Licht: Ein heller Stern. Und die Klarheit des Herrn, die um in leuchtet. Göttlicher Lichtglanz, draußen in der Pampa. Der Ton dazu: Ein Sprecher mit göttlicher Vollmacht. Original himmlische Engelschöre. Ihr Titel: Gloria. Das Publikum: Bunt gemischt. Vom armen Hirtenjungen bis zum reichen Wissenschaftler. Dazwischen allerlei Getier.

Ein starker Gott, der den Mut hat, sich unter das Volk zu mischen und auf den Sicherheitsabstand zu verzichten. Ein Gott zum Anfassen. Und später einer der hinlangt. Er fasst Kranke an und Tote, teilt Hungrigen Brot aus, stellt sich vor Angeklagte und legt sich mit Geschäftemachern an.
Er lässt sich nicht bedienen, sondern bedient. Er lässt sich nicht die Füße waschen, sondern wäscht sie anderen. Er schlägt nicht, sondern lässt sich schlagen. Er schiebt Schuld nicht auf andere, sondern lädt die Schuld der anderen auf sich.

Ein starker Gott. Wer’s begreift, beugt staunend und anbetend vor ihm in die Knie, wie einst die Hirten und vertraut sich mit seinem ganzen Leben diesem starken Gott an. Luther übersetzte diesen Namen mit „Gott-Held“. Ein wahrer Held ist jemand, der sich ohne Rücksicht auf sich selbst für andere einsetzt, einer der rettet und dabei sein Leben opfert. Kein Filmheld oder Maulheld, Fußballheld oder Bühnenheld, der nur Sprüche klopft um seinen Marktwert zu steigern. Der Gott-Held kassiert seine Anhänger nicht ab, sondern bezahlt für sie. Womit? Mit seinem Blut und Leben. Ein starker Gott. Ein mächtiger Trost. Gerade an Weihnachten.
Jesaja nennt ihn hier auch „Ewiger Vater“.
Dieser dritte Name gibt zunächst Rätsel auf. Ewiger Vater? Ist er nicht der Sohn? - Das ist dasselbe – in seinem Fall. „Ich und der Vater sind eins“. Er identifiziert sich mit dem Vater. „Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein.“ Er geht später wieder zum Vater. Und er will alle zu sich ziehen. Der Vater hat ihm alle Macht übergeben, im Himmel und auf der Erde.
Er ist kein Vater, der einen enttäuscht oder der einen verlässt, sondern das Urbild des Vaters. Er sorgt für sein Kind. Beschützt sein Kind. Erzieht sein Kind. Manchmal muss ein Vater, wenn er wirklich liebt, auch Grenzen setzen, Einhalt gebieten, vielleicht sogar strafen. Aber er tut es nie in der Absicht zu schaden, sondern immer mit dem Ziel, das Beste für sein Kind zu erreichen. Der ewige Vater wird weder müde noch alt, noch muss man ihn auf den Friedhof bringen und begraben. Er ist der Ewige, der uns sieht und hört. Der auf uns wartet und der uns Zeit schenkt. Bis heute. Er bleibt der, der er ist und den wir mit Vater unser anreden dürfen. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Er herrscht als „Friedefürst“. In seinem ewigen Reich.
Ein Fürst ist der Erste. Allen voran. Allen voran will er den Frieden. Er will den Frieden unter den Völkern, zwischen den Menschen und in den Herzen, er will den Frieden mit Gott schenken, aus dem aller andere Friede hervorgeht.

Friedefürst! - Was für eine Ankündigung für ein unterdrücktes Volk, das im Finsteren wandelt! Für ein Volk, dem nicht zum Jubeln ist. Dessen Helden vor Waffen strotzten und den Tod brachten. Ein Volk, in dem keiner mehr Rat wusste, wie die drohenden Katastrophen abgewendet werden sollten. Wie muss da ein „Wunderrat“ in den Ohren klingen.

Gebt die Hoffnung nicht auf! Es ist nicht alles dunkel und sinnlos. Seht ihr das große Licht nicht? Christus ist das Licht! Ist der Ruf, der durch die Osternacht klingt. Er ist das Licht, das alle Finsternisse durchdringt. Martin Luther nennt ihm gegenüber den Fürst dieser Welt, den Fürst der Finsternis, den altbösen Feind Gottes und den Feind des Friedens. Der wütet gegen den Frieden. Will auch an Weihnachten Streit in den Familien, in den Ehen, zwischen den Generationen.
Aber der Friedefürst lässt allen, die es hören und annehmen den Frieden auf Erden verkündigen. Er grüßt seine Leute mit den Worten: Friede sei mit Euch! Mit seiner Vergebung schenkt er Frieden ins Herz und auch die Kraft zur Versöhnung zwischen Menschen. Er mahnt uns zum Frieden und ruft uns zum Frieden. Gib deine Feindschaft auf! Leg deinen Hass ab und deine Rachegedanken. Lass sie an der Krippe, am Bild des Friedefürsten in Freude verwandeln.

Axel Kühner schreibt (Hoffen wir das Beste, S.327): „Ein kleines schwaches Kind wird geboren. Aber es hat große und starke Namen. Es heißt wunderbarer Ratgeber, Gottes Held, ewiger Vater, Fürst des Friedens. Wie vier kostbare Diamanten leuchten seine Namen im Weihnachtslicht auf. Es sind seine Namen, aber sie meinen uns. Bis in die Namen hinein hat Jesus nichts für sich selber. Er hat alles für uns.“
Und der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der die Grauen von Krieg, Verfolgung und Gewalt durchlebt und durchlitten hat, kann sagen: „Wie zur Beschämung der gewaltigste menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird hier ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt. Ein Kind, von Menschen geboren, ein Sohn, von Gott gegeben; und alles Zukünftige ist hier umschlossen. Die unendliche Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes lässt sich zu uns herab in der Gestalt eines Kindes, seines Sohnes. Dass uns dieses Kind geboren, dieser Sohn gegeben ist, dass mir dieses Menschenkind, dieser Gottessohn gehört, dass ich ihn kenne, ihn habe, ihn lieb, dass ich sein bin und er mein ist, daran hängt nun mein Leben.“
Das ist der Grund für die wahre Weihnachtsfreude.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168